tip – 19/2011

Auf den Barrikaden

tip 19/2011 FuldaWeichsel auf den Barrikaden - Titel…DIE NEUKÖLLNER MISCHUNG

Sie wollten alles richtig machen mit ihrem Haus am Weichselplatz. Anders als andere. Als „Miethaie“. Behutsamer. Ihre Mieter dabei mitnehmen. Die „Neuköllner Mischung“ erhalten. Dort auch wohnen. „Für uns ist es ein Lebensprojekt“, sagt Rabea Welte. Jetzt sind ein halbes Dutzend Klagen in der Welt, eingereicht von Rabea Welte und ihren acht Mitstreitern. Und Gerichtsverfahren. Klagen der Grundstücksgemeinschaft Weichselplatz gegen einige ihrer Mieter. Bei Weitem nicht alle. Gegen die, die nicht ihre Modernisierung dulden wollen. Jene Mieter, die sie doch auch mitnehmen wollten. Irgendetwas ist da völlig schiefgelaufen. Tim Lühning, Rabea Weltes Lebensgefährte, hat binnen Sekunden auf die E-Mail-Anfrage reagiert. Zum Gespräch kommen beide mit dem Fahrrad. Lühning dreht sich als erstes eine Zigarette. Sie haben eine Bar in der Karl-Marx-Allee als Treffpunkt vorgeschlagen.

Sie heißt Kosmetiksalon Babette, liegt direkt neben dem Cafe Moskau. Eine coole, szenige Bar. So, wie man sich Mitte eben vorstellt. Es kann sein, dass die Mieter am Weichselplatz genau das fürchten. Dass dieses Mitte jetzt nach Neukölln kommt, in ihr Haus. Vielleicht ist da sogar etwas dran. Rabea Welte und Tim Lühning sind beide Ende 30. Sie: Architektin. Er: Diplomübersetzer. Das Paar wohnt seit einer Weile in Berlin. Sieben Jahren Moabit‚ dann je zwei in Prenzlauer Berg, in Friedrichshain. Beide stammen aus Süddeutschland. „Das Haus ist unsere Alterssicherung“, betont Lühning „Wir haben das Projekt vorher intensiv durchgerechnet“, sagt Rabea Welte. Energetische Sanierung nennt sie ihre „Herzensangelegenheit“. Und: „Es ist doch unser erstes Haus.“ » „Auch unser letztes“, sagt Lühning. Weichselplatz, Anfang August, Nieselregen. Das Haus ist seit Ende Mai eingerüstet. Auf dem Hof wird ein Tuch von den Stangen fast verdeckt. Darauf steht: „Friede den Hütten.“ Georg Büchner. Der zweite Teil seiner Parole fehlt: „Krieg den Palästen.“ Man denkt ihn sich aber unweigerlich mit. Palast. Luxussanierung. Aufwertung. Verdrängung. Es gibt ein Foto von Rabea Welte, knapp drei Jahre alt. Da posiert sie, wie viele andere, gegen den Neubau des Berliner Stadtschlosses. Auf dem Papier, das sie dabei hält, hat sie geschrieben: „Alles nur Fassade.“ Vielleicht wären die Mieter mit Rabea Welte und Tim Liihning in vieler Hinsicht einer Meinung. Unter anderen Vorzeichen. Seit einem Jahr treffen sich rund 15 der Mietparteien wöchentlich. Sie haben eine Webseite geschaltet, „FuldaWeichsel“. Darauf steht: „Wir bleiben alle — Eine Hausgemeinschaft wehrt sich gegen Verdrängung.“ Es gab einen offenen Brief‚ ein „Nachbarschaftskuchenessen“‚ Widerstandsplakate. Eine Mieterin: „Wir sagen: Die machen hier Gentrifizierung. Die sagen: Nein, wir erhalten hier die Neuköllner Mischung.“ Andere Frau: „Neuköllner Mischung. Da kann ich nur lachen! Von wegen Mischung.“

Als die Grundstücksgemeinschaft, teils Berliner, aber auch Schweizern, Franzosen, den Gründerzeitbau Fuldastraße 31/32 und Weichselplatz 8/9 im Frühjahr 2010 übernahm, war er marode, „seit Jahrzehnten wurde hier fast nichts gemacht“, sagen Mieter. Die einzige Investition der Vorbesitzer in knapp zehn Jahren: eine Gegensprechanlage. Irgendwann ist alles gekippt. Im August bekamen die Mieter die erste Modernisierungsankündigung, 18 Seiten. Im Frühjahr darauf die zweite, 44 Seiten. Fernwärme, neue Stränge, Fassadendämmung, Dacharbeiten, Aufzug-Balkon Kombination. Vielleicht war es da, wo etwas zu kippen begann. Bis alles immer weiter eskalierte. Vorher, erzählen Mieter, hätten sie die neuen Besitzer ganz sympathisch gefunden, „ein bisschen missionarisch mit ihrem energetischen Tick, aber okay.“ Eine Frau sagt: „Da die so nett waren, denkt man sich nichts schlimmes. Man merkt es erst bei der Modernisierungsankündigung.“ Und der damit verbundenen Mieterhöhung. 60 Prozent in einem Fall. Einmal gar 89. So heißt es. Die Frau orakelt düster: „Langfristig bleibt hier keiner von uns wohnen.“ „Uns war klar, dass wir bei einigen Mietern einen Teil der Modernisierungskosten selbst übernehmen würden“, sagt Rabea Welte. Dazu bräuchte man aber Einkommensnachweise. „Das ist nicht schön, klar. Aber es muss doch gerecht zugehen.“ In der ersten Modernisierungserklärung steht eine Rückmeldefrist für die notwendige Duldungszustimmung. Zwei Wochen. Ansonsten würde sie „gerichtlich“ durchgesetzt, „was auch für Sie mit erheblichen Kosten und Nerven verbunden wäre“. Für einige Mieter musste dieser Satz aussehen wie eine massive Drohung. Die zwei Wochen. ihr Fehler, seufzt Rabea Welte. Die gesetzliche Frist zur Rückmeldung ist drei Monate. Gemeint gewesen sei: für ein erstes Feedback. „Wir haben uns dafür entschuldigt. Und geredet, geredet, geredet.“

Als die Besitzer eine Hausversammlung organisierten, gingen nur wenige Protestler hin. Von denen heißt es, sie wären dabei „massiv unter Druck gesetzt werden“. In einer Stellungnahme zum offenen Brief der Hausgemeinschaft schreiben die Eigentümer: „Das entstehende Spannungsfeld zwischen CO²—Ersparnis und Sozialverträglichkeit ist uns durchaus bewusst.“ Eine Frau: „Natürlich muss im Haus etwas gemacht werden. Nur nicht alles auf einmal.“ Ein Mann: „Das Ökologische darf nicht gegen das Soziale ausgespielt werden.“ Ein anderer Mieter: „Ich nenne das: inszenierte Sachzwänge.“ Das Projekt sei nicht auf Profit angelegt, sagt Tim Lühning. Aber es müsse sich langfristig tragen. Es gibt Bank-Kredite. Und Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau, die die Umstellung auf Fernwärme erfordern. Mit einem „Großteil der 30 Mietparteien“, sagt Rabea Welte, sei eine „einvernehmliche Einigung“ möglich gewesen. „Leider nicht mit allen.“ Das Resultat: eine Blockade. „Wir können das nicht verstehen“, sagt Rabea Welte. „Es ist doch unser Geld, unser Risiko, unsere Arbeit. Ich investiere da jetzt volle zwei Jahre meines Lebens.“ Wie ist das, Leute zu verklagen, die eines Tages Nachbarn sein sollen? „Fühlt sich beschissen an, klar“, sagt Tim Lühning. Vielleicht ist das manchmal so. Dass die Dinge einfach nicht zusammenpassen, sich auch gute Absichten ins Gegenteil verkehren. Dass Leute, die ein marodes Haus modernisieren, eben doch nicht alle mitnehmen können. Und dass jene sich natürlich wehren, die auf die Art finanziell an ihre Grenze geraten. Am Weichselplatz sieht es danach aus. Seit April gehört der Platz zum neuen Sanierungsgebiet Neukölln – Karl-Marx-Straße/Sonnenallee. Es gibt staatliches Geld für energetische Sanierung. Beim Bezirksamt Neukölln, Abteilung Stadtplanung, schauen sie sehr genau hin, was am Weichselplatz passiert. Eine Sachbearbeiterin sagt: „Solche Fälle werden sich jetzt häufen.“

tip 19/2011 FuldaWeichsel auf den Barrikaden - Mieter und Haus

(Auszug aus: tip Berlin Nr. 19/2011, 01.09. bis 14.09.2011. Der vollständige Artikel befindet sich in der Printausgabe,         Artikel: Erik Heier, Fotos: David von Becker)