Neuköllner Nachrichten – 14.03.2011

Fuldaweichsel: Hausbewohneraktion gegen Mieterhöhung und befürchtete Verdrängung in Neukölln

Veröffentlicht am 14 März 2011.

Fuldaweichsel

Die Gentrifizierung hat längst auch den Neuköllner Weichselplatz erreicht: Am Sonntag gingen die Bewohner des Hauses an der Ecke Fuldastraße/ Weichselplatz an die Öffentlichkeit. Sie fürchten, nach einer Modernisierung durch die neuen Eigentümer ihres Hauses und einer entsprechenden Mieterhöhung dort nicht mehr wohnen bleiben zu können. Sie hängten Transparente gegen die Verdrängung aus ihren Fenstern und luden  ihre Nachbarn zu Kaffee und Kuchen auf der Freifläche am Park gegenüber ihres Hauses ein. Dort konnte man feststellen, wie verunsichert und auch wütend die Anwohner teilweise den Veränderungen im Kiez gegenüberstehen.  Doch die Fronten verlaufen in diesem Fall, glaubt man den neuen Eigentümern des betroffenen Hauses, nicht ganz so geradlinig. Sie wehren sich gegen die Vorwürfe. Man sei doch selbst gegen Gentrifizierung und wolle es gerade anders angehen.

Ja, man kann sich das gut vorstellen: Da legt ein Freundeskreis, teils gar nicht in Berlin wohnhaft, zusammen und kauft ein großes Mietshaus im angesagten Kiez “Kreuzkölln”. Man empfindet sich selbst vielleicht als durchaus szenig, will alles richtig machen, schon gar niemanden verdrängen – das böse Wort Gentrifizierung, das für die Aufwertung von Kiezen, aber eben auch für die Verdrängung der alten Einwohnerschaft steht, soll bestimmt nicht mit ihnen in Verbindung gebracht werden. Nein, so machen wir das nicht. Aber ach, dann will man ja doch auch im Haus wohnen und derjenige, der die potentielle Traumwohnung bewohnt, sollte dann schon irgendwann ausziehen. Und das Dach könnte man auch ausbauen. Und von der KfW, der Kreditanstalt für Wiederaufbau gibt es Kredite, wenn man von Gasheizung auf Fernwärme umstellt.

Und dann trifft man auf Berliner Verhältnisse. Renitente Bewohner, die so gar nicht mit sich reden lassen wollen. Die den Veränderungen in ihrem plötzlich in aller Welt angesagten Kiez kritisch gegenüberstehen (auch wenn sie vielleicht selbst erst seit anderthalb Jahren hier wohnen). Und die mit neuen Eigentümern so gar nicht reden und sich so gar nicht einigen wollen, damit die es nachher schön kuschelig haben. Weil man ihnen misstraut. Weil sie freundlich sind, aber ihre Sache letztendlich doch zielstrebig durchziehen.

So ungefähr muss es gelaufen sein im Gebäudekomplex Fuldastraße/ Ecke Weichselplatz. Und jetzt nach einem Jahr, ist die Eskalation da. Die Mieter ignorierten bisher – zumindest teilweise – die Modernisierungsankündigungen des Eigentümers, der Grundstücksgemeinschaft Weichselplatz, und die klagt jetzt auf Duldung der Modernisierung. Worauf die Bewohner beschließen, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Es ist viel Energie, manchmal Ausgelassenheit, aber auch Misstrauen und Wut zu spüren an diesem Sonntag auf der Freifläche gegenüber dem Haus, in dem seit vielen Jahren eine Kneipe mit dem Namen “Klapsmühle” residiert (Leute, die schon länger im Kiez wohnen, werden sich an die freizügigen Fotos der anscheinend exzessiven Parties in dieser Kneipe erinnern, die früher dort im Fenster hingen, vor nikotingelben Stores; es war immer wieder nett, davor stehen zu bleiben und sie zu betrachten). Die Bewohner des Hauses hängen Tranpsarente gegen Verdrängung und Gentrifizierung aus dem Haus, eines heißt: “Hier ist nicht der Kollwitzplatz”. Wohl wahr, zumindest, was die Hundescheiße betrifft.

“Wir wollen Ausstrahlung nach außen, dass die Leute merken, man muss sich nicht alles gefallen lassen, man kann sich wehren”, sagt Marie, eine der Hausbewohnerinnen. Die Miete, sagt sie, solle nach der Modernisierung von jetzt fünf auf acht Euro nettokalt steigen. “Hier gibt es alte Leute im Haus, die wohnen seit 40 Jahren hier, die können das nicht bezahlen.” Die Umstehenden nicken. Sie zeigt auf einen schmalen Mann mit Brille und Mobiltelefon am Ohr, der auf der Straße hin und her läuft: “Das ist einer der Eigentümer.”

Nikos Papamichail ist vielleicht ein bisschen teurer gekleidet als der Rest der Anwesenden, ansonsten könnte er vom Aussehen und Alter her (die meisten scheinen in den Dreißigern oder knapp darunter bzw. darüber) durchaus zu den Demonstranten gehören. Er zeigt auf die Transparente über der Kneipe: “Die WG, die da wohnt, die redet ja gar nicht mit uns.” Sie würden mit allen Mietern reden und sich um Lösungen bemühen, sie wollten niemanden verdrängen, sie seien auch mit vielen im Gespräch, aber manche würden eben gar nicht mit ihnen reden wollen, führt er ruhig aus.

fuldaweichsel 2

Während Papamichail mit mir spricht, hat sich eine Bewohnerin des Hauses, eine alleinerziehende Mutter, zu uns gestellt. Sie kommentiert seine Äußerungen. Als er sagt, nur zwei der neuen Eigentümer wollten ins Haus einziehen, schüttelt sie den Kopf: “Fünf. Und das Dach soll auch ausgebaut werden.” Papamichail bleibt ruhig und reagiert nicht auf sie. Er sei auch mit den Mietern seiner künftigen Wohnung im Gespräch, sagt er. Eine weitere Anwohnerin kommt hinzu, sie wohne um die Ecke, erzählt sie. “Die wollen uns hier alle raushaben”, sagt sie sichtlich empört. Wie das für ihn sei, hier einzuziehen, wenn seine künftigen Mitbewohner gegen ihn  demonstrieren, frage ich den Eigentümer. Er zuckt die Achseln.

Am nächsten Tag erreicht uns noch eine Mail mit einer Stellungnahme der Eigentümergemeinschaft. Man sei nicht sicher gewesen, ob ihr Standpunkt richtig angekommen sei.

Was die Bewohner wohl mit am meisten ärgert ist, dass sie sich für die “einvernehmlichen Lösungen”, die die Eigentümer mit ihnen finden wollen, ihre finanziellen Verhältnisse offenlegen müssen. Die Eigentümer finden das legitim und werden vom Gesetz dabei gedeckt. Und geklagt habe man nur gegen die Bewohner, die sich wirklich jedem Gespräch widersetzen würden, sagt Papamichail.

Durchsetzen will man seine Sache aber eben auch. Ob mit oder ohne die Bewohner.

Ja, so ist das mit der Gentrifizierung: Als ich vor neun Jahren hierher zog, war das ein  Hundescheiße-Slalomparcours mit gröhlenden Jugendgangs nächtlings im Park. Kneipen gab es keine, an Restaurants in der Nähe nur das Canale Grande am Lohmühlenplatz, das leider jüngst geschlossen hat. Dafür existierte um die Ecke noch der Bioladen LPG. Für unsere Vorderhauswohnung mit Blick zum Park gab es außer uns noch einen Bewerber. Wir legten uns mächtig ins Zeug, ums sie zu bekommen, obwohl die Gegend grenzwertig schien. Jetzt ist alles anders. Heute würden sie Schlange stehen für unsere Wohnung. Und unser Haus gehört auch längst einem englischen Investor.

Fotos: Bernd Hettlage