MieterEcho – April 2013

„Dazu gehör’n stabile Mieten“

Mit Kunst gegen Mietsteigerung und Verdrängung

Von Jürgen Enkemann

Der Widerstand gegen Mietsteigerung und Verdrängung äußert sich in letzter Zeit auf vielerlei phantasievolle Weise. Neben „Lärmdemos“, „Kiezspaziergängen“ und Blockaden von Zwangsräumungen positioniert sich zunehmend künstlerisches Schaffen in Form von Karikaturen, Bildern, Gedichten, Filmen, Liedern oder Theaterstücken.

Kunstschaffende wollen es nicht einfach hinnehmen, in Aufwertungsprozessen als Mitvorbereiter der Verdrängung zu gelten. So begründete die Ausstellung „Kunst und Phantasie gegen Verdrängung“ im Kreuzberger Rathaus die Motivation für das künstlerische Schaffen. Gentrifizierungstheorien zufolge trägt die Kunst- und Kulturszene dazu bei, bestimmte Stadtviertel für den Immobilienmarkt aufzuwerten. Im Gegenzug zu derartigen Vereinnahmungen beteiligen sich Kunstschaffende selbst am Widerstand gegen die Entwicklung, zumal sie häufig auch persönlich von dramatischen Mieterhöhungen für ihre Wohnungen und ihre Ateliers betroffen sind.

In der Ausstellung im Kreuzberger Bezirksamtsgebäude gab es bei aller Vielfalt der Motive und Darstellungsweisen in Form von Gemälden, Karikaturen, Fotos und Fotocollagen deutliche Gemeinsamkeiten. Nahezu alle Arbeiten zogen neben der bildlichen Darstellung Worte oder ganze Sätze heran, um mietenpolitische Botschaften zu vermitteln. Auch gab es einen starken Hang zur sogenannten Gebrauchskunst, beispielsweise Transparente, die zum Mitführen bei Demonstrationen hergestellt worden waren, oder Material für konkrete Protestaktionen. Auf einer Collage wurde eine Aktion in einem Brief an die Ziegert-Immobiliengesellschaft angekündigt und es wurden direkt daneben entsprechende Protestaufkleber bereitgestellt. Die Künstlerin hatte mit ihrem ehemaligen Atelier in einem Taekker-Ziegert-Gebäude persönliche Erfahrungen gesammelt. Eine andere Künstlerin zeigte bei der Ausstellungseröffnung begleitend zu ihren Gemälden eine – auch digital versendbare – Videoinstallation mit Szenen starker Bedrängung durch die Luxussanierung in ihrem Miethaus. Die Ausstellung wird, wenn die Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg zustimmt, zukünftig im Foyer des Schöneberger Rathauses zu sehen sein. Eine Beteiligung weiterer Künstler/innen ist erwünscht.

„Mieterdämmerung“ auf der Biennale

Auch auf der Berliner Biennale für zeitgenössische Kunst gehörte Gentrifizierung zu den zentralen Themen. Es gab dazu Beiträge aus Berliner Kiezen wie etwa eine mehrteilige Installation der Neuköllner FuldaWeichsel-Initiative mit  dem Titel „Mieterdämmerung“. Anhand von Fotos, Videoclips, Texten sowie  Plakaten mit Wir-bleiben-Slogans stellten sie Geschichten von Mietsteigerungen durch Modernisierungen und von Verdrängung aus dem Wohngebiet dar. Der Titel des Schlussteils „Endstation Paradies“ verwies „auf Utopien vom Wohnen in der Stadt“.

Mietenpolitische Inhalte haben auch ins Schauspiel Eingang gefunden. Die multikulturelle Theatergruppe „Die Sultaninen“ aus Neukölln entwickelte ein Stück über Verdrängung und Gentrifizierung. Sie verfahren dabei nach dem Konzept des „Forumtheaters“, mit dem das Publikum zum Nachdenken über die Lösung von Konflikten angeregt und zum Mitspielen ermutigt wird.

Auch in Liedern und satirischen Gedichten finden sich mietenbezogene Themen. Stellvertretend für viele solcher Verse sei hier ein Gedicht zitiert, das der im westlichen Kreuzberg verbreiteten Stadtteilzeitschrift Kreuzberger Horn zum Jahreswechsel zugesandt wurde: „Wir wünschen uns fürs Neue Jahr / dass vieles besser wird, na klar, / dass manches auch so bleibt, wie’s war, / dazu gehör’n stabile Mieten. / Wir wünschen uns, dass diese Zocker, / die’n Haus ersteigern so ganz locker, / dann alles tun, uns zu vertreiben, / und uns bedrängen, wenn wir bleiben, / dass die im Pleiteloch versinken, / darauf lasst uns Silvester trinken.“ Das Gedicht war in Kreuzberg nicht nur in der Silvesternacht an Bäume geheftet zu entdecken. Da bleibt abzuwarten, was aus solchen Wünschen im Laufe des Jahres wird.

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