Das gemeine Wesen – 15.03.2011

„Wir wollen nicht, dass unser Kiez Unbezahlbar wird“- Widerstand gegen Vertreibung im FuldaWeichsel

von ts-DageWe 15 Mär. 2011 – 09:00:00

von
Tony Sanders
(Fotos: Peter Brunnett)

Den Begriff Fuldaweichsel gab es noch nicht, bisher. Kiezbewohner haben ihn erfunden, für die Ecke um den Weichselplatz,unweit des Kanals. Die Ecke ist ruhig, es gibt nur wenig Verkehrslärm und viel Grün. Und die Gegend ist Gentrifizierungsgebiet. Die Menschen, die hier wohnen, spüren den Druck: Mieterhöhung und Modernisierung. Aber: Widerstand formiert ist.

Es herrscht Volksfeststimmung an diesem ersten warmen Tag im Jahr, mit Kaffee und Kuchen und vielen Leuten, am Sonntag 13. März, an der Stelle, wo die Fuldastraße auf den Weichselplatz stößt. Frühlingsstimmung, Menschen aus allen Generationen und vielen sozialen Schichten – sofern sie hier wohnen – Mieter, Nachbarschaft, Freunde und Unterstützer, 150 Menschen schätzungsweise. Es ist eine kleine politische Demonstration für ihr Anliegen, mit einem der neuen Hauseigentümer als fernem Beobachter.
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Matthias, einer der Hausbewohner, erzählt über den Anlass. „Das Haus wurde verkauft und von den neuen Eigentümern bekamen wir eine Modernisierungsankündigung. Die Mieten würden danach um bis zu 60% steigen. Die wollen einen Fahrstuhl, Balkone auch auf dem Hof, Fernwärme und Wärmedämmung.“ Die Mieten würden danach grob geschätzt von 5 auf 8 € steigen.
„Der aktive Kern ist eine Gruppe von ca. 15 Menschen, die sich regelmässig treffen.“ Die auch die rechtliche Seite bearbeiten, die über ihre politischen Handlungsmöglichkeiten beraten.

Eine junge Frau, die ebenfalls hier wohnt, erzählt, daß das Haus eigentlich ein Fall für die Instandsetzung wäre. Der alte Eigentümer hätte nur unter Zwang durch die Bauaufsicht überhaupt instandgesetzt. Deshalb seien die Fassaden auch ziemlich Marode, der Putz bröckle ab. Viele Wohnungen hätten eine Heizung, die Mieter hätten sie selbst eingebaut.

Marie ist Anfang 50 und alleinerziehende Mutter zweier Kinder, selbstständige Aufstockerin. Ihre Miete würde um 150 € steigen, zu viel für sie, sie müßte ausziehen. „Ich habe den Leuten erklärt, daß ich mich in meiner Existenz bedroht fühle.“ Es wäre deshalb eine Überlebensfrage für sie, sich zu wehren. Seit 15 Jahren wohne sie in Neukölln, meistens in der Umgebung, seit acht Jahren hier im Haus. Hier haben sie und ihre Kinder ihre sozialen Bezüge, ihre Freunde, das, was man heutzutage soziales Netzwerk nennt. Sie kämpft für ihre Kinder und sich, das merkt man.
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Eine Gruppe von neun Privatpersonen habe das Haus gekauft, erzählt sie. Die würden das Dachgeschoss zu Lofts ausbauen wollen. Dass für die auch ein Fahrstuhl und Hofbalkone herausspringen würden – bezahlt durch die Mieter… ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Die würden so sozial tun, versuchten aber, die Mieterschaft im Haus zu spalten. Z.B. mit Angeboten, man würde ihnen ja durchaus finanziell entgegenkommen – das könne man aber nicht bei allen tun.

Einen Fahrstuhl kann Hanne, ein älterer Mann deutlich im Rentenalter, jedenfalls nicht brauchen, sagt er. Auch er gehört zu den Aktiven im Haus. „Wofür brauche ich einen Fahrstuhl? Den brauchen doch nur die neuen Eigentümer im Dachgeschoss. Ich habe ein Nervenleiden und kann überhaupt nicht Fahrstuhl fahren. Aber bezahlen soll ich dafür.“

Ein anderer Besucher des Festes, ein junger Mann, wohnt in der Weichselstraße 37/38. In seinem Haus steht „nur“ Wärmedämmung und Anschluß an die Fernwärme an. Seine Miete wird dadurch um 70 € oder 30% teurer, auf dann über 300. „Aber ausgerechnert derjenige, der wenig Geld hat, müßte die höchste Mietsteigerung verkraften, nämlich um 300%. Der hat noch Ofenheizung und Außenklo.“ Er fährt fort „Wir sind aber hier erst am Anfang. Der Vermieter hat noch keine gültige Modernisierungsankündigung rausgeschickt. Wenn er das tut, werden wir natürlich klagen.“
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Die Geschichten, die die Menschen in Nord-Neukölln derzeit erleben, dürften sich in vielen Punkten ähneln. Z.B. in Punkto Modernisierung und Mieterhöhung mit dem Ergebnis der sozialen Verdrängung. Von den großen Parteien war am Sonntag niemand vertreten. Denn „Wenn eine bessere soziale Mischung erreicht werden soll, müssen bestimmte Menschen wegziehen.“ (Zitat) Viele der Menschen hier hätten verstanden, daß sie sich gefälligst nach Marzahn oder Hellersdorf verpissen sollten.

„Wir wollen bleiben,
denn hier fühlen wir uns zu Hause,
hier wollen wir unsere Kinder großziehen,
hier wollen wir alt werden,
hier, in diesem Kiez wollen wir leben!
Wir lassen uns unser Lebensumfeld,
nicht einfach so zerstören.“
schreibt die Initiative in ihrem Flugblatt.
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Inzwischen haben sie auch einen blog (fuldaweichsel.wordpress.com) ins Leben gerufen, der nächste Woche freigewaltet werden soll . Über fuldaweichsel@gmx.de kann man sie kontaktieren.