Badische Zeitung – 03.04.2012

Wenn die Gutverdiener kommen

Berlin ist ein Magnet – für Touristen, Kreative, Unabhängige / Für die, die schon immer da waren, ist es weniger schön, wenn ihr Kiez plötzlich chic wird. von: Katja Bauer

Auf Neukölln, den Ort, an dem Christina Paetsch wohnt, hat Deutschland noch vor Jahren mit dem Finger gezeigt. Das ist heute auch so, aber aus anderen Gründen. Der britische Guardian nennt die Gegend im Norden des Bezirks „Epizentrum der Coolness“. Im Wochentakt verändern sich die Straßen. Aus Ein-Euro-Shops werden Designerläden. Wo Erdgeschosse leer standen, stellen jetzt Wirte Stühle in die Frühlingssonne. Englische Speisekarten sind Standard. Gefeiert wird bis in die Nacht.

„Kreuzkölln“ nennen Neuberliner diese Gegend an der Grenze zu Kreuzberg, Touristen strömen ins Viertel und fühlen sich edgy. Wer an die Spree zieht und in sein will, sucht hier nach einer Bleibe. Ständig wird irgendwo eins der Gründerzeithäuser saniert. Aus Dachböden werden Lofts. Nirgends sind die Mieten 2011 stärker gestiegen als hier. „Wer teuer wohnen will, der zieht nach Kreuzberg“, titelte neulich eine lokale Zeitung. Und das bedeutet auch: Viele Bewohner können nicht in ihrem Viertel wohnen bleiben.

„Die Sieger ziehen her und verdrängen die anderen“, beschreibt die Fotografin Christina Paetsch das, was sie gerade erlebt. Sie lebt seit Jahrzehnten im Bezirk. An den Fenstern ihrer stattlichen Altbauwohnung am Weichselplatz kleben Folien – seit Monaten. Eine alte Dame, die mit im Haus wohnt, braucht jeden Abend die Hilfe der Nachbarn, um wenigstens einmal am Tag zu lüften. Hier wird gedämmt, modernisiert, verschönt. Und es wird teurer.

Dabei dachten Rabea Welte (37) und Mitstreiter eigentlich, sie seien die Guten. Die Architektin gehört zu der Eigentümergemeinschaft, die das Haus gekauft hat – manche sind seit einigen Jahren Berliner, andere gar nicht hier daheim. Fünf von neun wollen einziehen. Aus Sicht der Eigentümer war der Plan, das Haus zu modernisieren, die Mieten moderat zu erhöhen – und damit das Alter abzusichern. Sie sehen sich als Gegenbild zu den Miethaifirmen.

Die Bewohner aber reagierten verschreckt auf den stillschweigenden Eigentümerwechsel, die prompt folgende Modernisierungsankündigung, drohende Mieterhöhungen, den aus ihrer Sicht enttäuschenden menschlichen Umgang. Inzwischen ist die Situation verfahren: Juristen wechseln Schreiben, einer Partei wurde gekündigt, andere verließen das Haus. Beide Seiten haben ihre Sicht der Dinge auf Internetseiten dokumentiert.

„Ich nehme es den neuen Besitzern nicht übel, dass sie hier Geld verdienen wollen“, sagt Christina Paetsch. „Nur sollen sie dann nicht so tun, als handele es sich um ein soziales Projekt.“ Andere Mieter sprechen von einer Form des Neofeudalismus: „Da kommen ein paar Gutverdiener aus dem Schwarzwald, bauen sich ein Dach aus und lassen das die im Erdgeschoss mit Blick zum Hof bezahlen.“

Wer sich in anderen Häusern umhört, erlebt noch andere Beispiele: Menschen, deren Miete sich nach einer Sanierung verdoppelt hat – wie die einer alleinerziehenden Mutter mit Minijob. Seit sie sich gegen die Modernisierung sträubt, hat sie mehrere Wassereinbrüche gehabt, der Eigentümer, ein Konzern, kümmert sich nicht. Die Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte, will kämpfen. „Ich finde doch in der Nachbarschaft nichts Bezahlbares mehr. Wenn ich nicht bleiben kann, muss mein Kind in eine andere Schule gehen.“

Ob Eigentümer ihr Tun nun als moralisch gut empfinden oder nicht: Sie sind Akteure bei der Entwicklung des Viertels, die Folgen für die Bewohner haben wird. In ihrer Arbeit hat sich Fotografin Paetsch bisher mit Objekten beschäftigt. Menschen hat sie noch nie fotografiert. In einer Bilderserie hält sie jetzt das Leben ihrer Nachbarn fest. Sie ist sich sicher: Die Gemeinschaft wird sich zwangsläufig verändern.

Was in Kreuzkölln so augenfällig ist, passiert in Berlin an verschiedenen Stellen und wird unter dem Schlagwort Gentrifizierung zusammengefasst. Es kommt aus dem Englischen, wo „the gentry“ den niederen Landadel bezeichnet – die Stadtsoziologin Ruth Glass beschrieb damit 1964 den Zuzug besser verdienender Familien in das Londoner Viertel Islington. Beschrieben wird der Wandel eines Stadtgebiets, der zu einer sozioökonomischen Umstrukturierung führt. Die einen nennen das Aufwertung, die anderen Verdrängung.

Am Beginn steht immer „die Szene“: Kreative, Künstler, Studenten bevölkern ein Innenstadtgebiet mit unsanierter Altbausubstanz, weil sie bezahlbaren Arbeits- und Lebensraum suchen – aber nicht nur das: Es geht auch um unordentliche Orte, die nicht zugebaut und überreguliert sind, um kreativen Freiraum, in dem jeder machen kann, was er möchte, und wo auf diese Weise etwas Neues, Spannendes entsteht. Wenn diese Avantgarde erst mal da ist, wird sie nach kurzer Zeit vom Mainstream bejubelt. Das ist der Anfang vom Ende ihres Dortseins oder markiert ihre eigene Entwicklung Richtung Mainstream. Menschen aus anderen Stadtteilen oder Städten entdecken das Quartier als Kulisse für ihre Freizeitaktivitäten. Investoren werden aufmerksam, kaufen sich ein und sanieren. Junge Leute, Familien, einkommensschwache Schichten können sich das Leben nicht mehr leisten und werden verdrängt. Die neuen Bewohner bringen ihr Bedürfnis nach Ordnung und Ruhe mit: Clubs müssen schließen; Avantgarde, ja bitte, aber sie soll chic, brav und leise sein.

Den Kritikern halten viele Politiker die positiven Effekte der Aufwertung entgegen – und die sind unbestreitbar. Just der Norden des Bezirks, der jetzt so chic wird, galt noch vor wenigen Jahren als Deutschlands Problemviertel Nummer eins. Hier liegt die berüchtigte Rütlischule, hier spielt Detlev Bucks Gewalt- und Drogendrama „Knallhart“, hier stießen Politiker auf die sogenannte Parallelgesellschaft. In den 90er Jahren – während in Berlins Mitte das Regierungsviertel entstand – drehte sich in den Innenstadtbezirken die Spirale weiter nach unten. Viertel drohten zu kippen. Wer konnte, zog weg. Die Verlierer blieben. Mit Millionenaufwand und verschiedenen Programmen versuchte die Politik, den Prozess der sozialen Entmischung aufzuhalten. Und musste erkennen, dass die Möglichkeiten, negative Stadtentwicklungsprozesse zu steuern, begrenzt sind.

Jetzt aber steigt in den Schulen der Anteil der Kinder, die keine Sprach- und Entwicklungsprobleme haben. Das Viertel belebt sich, es entstehen Arbeitsplätze, Bewohner kümmern sich um öffentliche Belange. Nur, geht das immer so weiter, dann wird sich das Viertel in andere Richtung sozial entmischen: Wer arm ist, zieht weg, vermutlich in die Großsiedlungen an den Rändern. Berlin ist auf dem Weg, seine Banlieues zu entwickeln. Die Frage heißt also: Gibt es eine Möglichkeit, die beste, weil sozial gerechte Mischung zu schützen?

Berlin ist anders als andere Städte. Nach dem historischen Umbruch des Mauerfalls entwickelt sich die Innenstadt mit hohem Tempo. Zusätzlich verändert sich die Stadtgesellschaft: Praktisch die Hälfte der Bevölkerung hat sich binnen 20 Jahren ausgetauscht. Derzeit wächst Berlin; dem Senat zufolge sind es vor allem Studenten, junge Verdiener und solvente Rentner, die zuziehen. Die beiden ersten Gruppen besetzten neu entstehende Arbeitsplätze, die Arbeitslosen aber bleiben arbeitslos. Es ist also wohl nicht nur gefühlte Realität, wenn sie sich von „den Neuen“ verdrängt sehen.

Dazu kommt in Berlin eine rasende touristische Entwicklung – die Zahl der Übernachtungen hat sich, zum großen Glück für die Stadt, vervielfacht und soll auf 30 Millionen im Jahr wachsen. Dazu gehört ein spezieller Trend der Städtereise: Am Wochenende fällt die Easyjet-Gemeinde ein. Für junge Reisende ist Berlin attraktiv, weil libertär und billig. Hier wollen die Gäste sich so amüsieren, wie sie es teils von zu Hause nicht kennen: wild und zügellos. Und sie brauchen Zimmer: Geschätzt 12 000 Ferienwohnungen gibt es, dazu Hostels. Wohnraum geht verloren, Gewerbemieten steigen, kleine Läden werden zu Kneipen. Die Kurzzeitnachbarn pinkeln besoffen in den Hausflur. Wohnviertel werden ballermannisiert. Der Ex-und-Hopp-Tourismus wird Spuren hinterlassen, auch wenn die Reisenden längst zum nächsten Hotspot weitergezogen sind.

Aber der leicht zu identifizierende Tourist eignet sich leider auch als Sündenbock für jene linken Spießer und Biotopbewahrer, die nichts im Sinn haben als stumpfe Kapitalismuskritik. Manche Parole auf Transparenten erinnert an fremdenfeindliche Aussagen von rechts.

In der Stadt wachsen Wut und Ratlosigkeit. Betroffene Mieter haben sich in Initiativen zusammengeschlossen – im November legten sie im Roten Rathaus ein Dossier vor. Darin heißt es, die nächsten Jahre entschieden darüber, wie Berlins Gesicht in Zukunft aussehen werde. Zentrale Forderung: Sie wollen eine Stadtpolitik, die sich ihrer sozialen und ökologischen Verantwortung stellt und die Bevölkerung nicht in „verwertbar“ und „Ausschuss“ aufteilt.

Es ist atemraubend, wie sehr die Politik die Entwicklung unterschätzt hat. Die Gentrifizierung ist zum drängenden Problem geworden – die Parteien wurden erst im Wahlkampf 2011 aufmerksam, als sie mit Fragen der Bürger überhäuft wurden.

Der Satz, „es gibt kein Recht auf Wohnen in der Innenstadt“, mit dem der regierende Sozialdemokrat Klaus Wowereit antwortete, hörte sich nicht so an, als sei das Problem erkannt. Er ist aber Ausdruck der Zwickmühle, in der Berlin steckt: Die Stadt muss auf Investoren hoffen und die Aufwertung der Innenstadt unterstützen. Sie darf auch den Tourismus nicht hemmen – er ist der beste Wirtschaftszweig mit einem Bruttoumsatz von neun Milliarden Euro.

Zum Kapital der Stadt – und das ist wörtlich gemeint – gehören ihre Liberalität und Wildheit, ihre junge, unfertige Kreativ- und Kulturszene. Das ist das Image, von dem Berlin bis jetzt in der Wahrnehmung lebt. Die Verdrängung der Subkultur könnte den Verlust einer Standorteigenschaft bedeuten. Die Stadt definiert ihre Attraktivität als „place to be“ (offizieller Slogan) auch wirtschaftspolitisch so. Sie konzentriert sich auf die Ansiedlung der Creative Industries Mode, Musik, Film, Kunst, Medien. Hier liegt die Zukunft. Klassische Industrie wird sich an der Spree kaum mehr ansiedeln. Sensibilisiert reagierte jüngst der Bezirk Mitte, als es darum ging, ein Stück Subkultur zu retten: Der Schokoladen, ein alternatives Kulturprojekt, stand vor der Räumung. Jetzt könnte das Projekt über einen Grundstückstausch erhalten werden.

Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) nennt experimentelle Räume wie diese das neue Tafelsilber der Stadt. Aber kann Biotopschutz die richtige Antwort sein, um Wildheit zu bewahren? Oder bleibt am Ende ein staatlich subventionierter subkultureller Streichelzoo? Und liegt nicht die größte Gefahr im Verlust eines anderen Kapitals, nämlich dem des viel zitierten „sozialen Zusammenhalts“?

Berlin ist eine Stadt der kleinen Leute – das Durchschnittseinkommen ist niedrig, Kapital fehlt, mehr Menschen als irgendwo sonst leben von staatlicher Hilfe, und auch die jungen Kreativen krebsen oft am Rande des Existenzminimums. Jedes dritte Kind lebt unterhalb der Armutsgrenze. Man hat hier eine Vorstellung, welche Probleme es aufwirft, wenn sich soziale Trennung vollzieht, wenn sich in einzelnen Straßenzügen Arbeitslosigkeit, Bildungsferne und fehlende gesellschaftliche Teilhabe ballen.

Die „Berliner Mischung“ ist keine Folklore. Es gehört zum Kapital der Stadt, dass sie sich bisher eben nicht wie andere aufspaltet in ein Drinnen und ein Draußen. Wenn es um gefühlte soziale Ungerechtigkeit geht, dann ist die strukturelle linke Mehrheit empfindlich und zum Protest bereit. Was also tun? Die Regierungskoalition versucht, Steuerungsmöglichkeiten zu nutzen: Mietsteigerungen sollen begrenzt werden, neue Wohnungen entstehen, Wohnungsgesellschaften zu moderaten Preissteigerungen verpflichtet werden.

Am Neuköllner Weichselplatz wird das die Situation nicht mehr verändern. Christina Paetsch sagt, sie habe einen höchst privaten und auch höchst politischen Wunsch: „Ich möchte gerne hier wohnen. Bei einer bezahlbaren Miete.“