Wir wollen alle bleiben – Eine Hausgemeinschaft wehrt sich gegen Verdrängung

In der aktuellen Ausgabe der Gemeindezeitung der Evangelischen Kirchengemeinde Martin-Luther in der Fuldastrasse erschien ein Portrait unseres Hauses als Titelthema. Die pdf auf deren Webseite, sowie die gedruckte Zeitung ist mit Bildern von Mieter_innen ergänzt.

Das Leben in Nord-Neukölln gefällt Christina Paetsch eigentlich sehr gut. Sie fühlt sich in dieser Gegend verwurzelt, in der, wie sie findet die Mischung stimmt. Seit zehn Jahren wohnt sie in ihrer jetzigen Wohnung und sie hat eine Menge Zeit und Geld investiert, um sie zu einem Zuhause zu machen, in dem sie sich wohlfühlt. Einfach nur in Ruhe weiter dort wohnen zu können – das wäre ihr Wunsch.

Das ist aber leider schwierig geworden, denn das Haus Fuldastraße, Ecke Weichselplatz, in dem Frau Paetsch lebt, wurde im Frühjahr 2010 verkauft und bald darauf bekamen die Mieter/innen die erste von mittlerweile zwei Modernisierungsankündigungen überreicht.
Die neuen Besitzer, eine Eigentümergemeinschaft von neun Privatpersonen, von denen manche zukünftig selber im Haus wohnen wollen, haben große Pläne. Das Dachgeschoss soll ausgebaut werden, die Wasserleitungen und die Elektrik erneuert und das Haus an die Fernwärme angeschlossen werden.
Für Mietparteien mit Ofenheizung ist die Fernwärme sicher eine Verbesserung, nicht aber für diejenigen, die wie Christina Paetsch in Absprache mit den Vorbesitzern eine Gasetagenheizung eingebaut haben. Noch weniger reizvoll wird der geplante Rückbau der Gasetagenheizungen dadurch, dass nach den vorliegenden Berechnungen für diese Parteien mit einem Anstieg der Heizkosten zu rechnen ist. Und das trotz der Dämmung, die im 2. Modernisierungsschritt vorgesehen ist. Durch die Dämmung ergeben sich, genau wie durch den ebenfalls geplanten Einbau eines Fahrstuhls und Balkons mit Zugang über die Küchen einiger Wohnungen, bauliche Veränderungen, die die bisherige Nutzung der Räume sehr stark beeinträchtigen.
Durch die gesamten Modernisierungsmaßnahmen wird sich eine Mietsteigerung von bis zu 80% bei einigen Mietparteien ergeben, weit mehr, als für die Mieter/innen des Hauses auch nur annähernd verträglich ist. Moderate Mietsteigerungen für sinnvolle Maßnahmen, die tatsächlich eine Verbesserung darstellen, darauf könnte man sich einstellen, aber nicht auf das, was hier geplant ist. Zwei Parteien sind bereits ausgezogen, aber etwa die Hälfte der Mietparteien hat beschlossen zu bleiben und sich nicht verdrängen zu lassen. Davon künden auch die Transparente, die seit längerer Zeit außen am Haus hängen.
Die neuen Vermieter haben zwar Bereitschaft für Entgegenkommen gezeigt, sofern die Mieter/innen  ihre finanziellen Verhältnisse offenlegen, aber dem seien, aufgrund der, wie die Vermieter finden, angeblich geringen Höhe der jetzigen Mieten, enge Grenzen gesteckt.
Was Christina Paetsch an der ganzen Entwicklung positiv findet, ist, dass sich die Menschen im Haus mittlerweile viel besser kennengelernt haben und eine gute Hausgemeinschaft bilden. Davon zeugen die Fotos, die die Künstlerin von ihren Nachbarinnen und Nachbarn gemacht hat, die genau wie sie selbstverständlich gerne ihre Wohnung und ihr Zuhause behalten wollen und sich nicht verdrängen lassen wollen von zahlungskräftigeren Bevölkerungsgruppen.
Spannungen gibt es allerdings mit einigen der seither neu eingezogenen Parteien, die sich wegen der Verzögerungen beim Einbau der ihnen beim Einzug versprochenen Heizung den Winter über mit elektrischen Radiatoren behelfen mussten und die nicht verstehen können, warum sich die alten Mietparteien so vehement dagegen wehren.
Mittlerweile sind viele Mietparteien zur Duldung des 1. und 2. Modernisierungsschrittes verklagt, die ersten Prozesse haben stattgefunden, die Ergebnisse sind aber noch offen. Wie gut, dass die Bewohner/innen sich wenigstens gegenseitig Mut machen können, für das, was sie zusammen durchsetzen wollen.

Monika Krauth

Mehr Informationen über die Aktionen der
Hausbewohner:
https://fuldaweichsel.wordpress.com/
Alle Fotos von Christina Paetsch:
http://www.christina-paetsch.de/

Eine Antwort zu “Wir wollen alle bleiben – Eine Hausgemeinschaft wehrt sich gegen Verdrängung

  1. Pingback: RLF » Vergesst die Wahl! Organisiert Euch!